Erwiderung zum Artikel „Naturnahe Fischaufstiegsanlagen – ein neuer Lebensraum für den Fischotter?“
(Annegret Grimm-Seyfarth, Simone Lampa, Anja Roy und Maria Schmalz) Die Studie zu Fischaufstiegsanlagen als Lebensraum für den Fischotter bietet Einblicke in die Nutzung eines Habitatbestandteils des Fischotters. Allerdings weist sie aus unserer Sicht erhebliche methodische Schwachpunkte auf, durch die die Angabe von Dichtezahlen und die gezogenen Schlussfolgerungen nicht belastbar sind. Wir analysieren die hauptsächlichen methodischen Kritikpunkte. Für eine valide Einschätzung des indirekten und direkten Einflusses von Fischaufstiegsanlagen auf Fischotterpopulationen schlagen wir ein komplexes Untersuchungs-Design vor.
Die Studie von STOECKLE et al. (2026) zeigt mittels genetischer Analysen (Mikrosatellitenanalyse), dass Fischotter verschiedene naturnahe Fischaufstiegsanlagen an bayerischen Fließgewässern nutzen. Es wurden verschiedene Individuen nachgewiesen, die in unterschiedlicher Anzahl über den Zeitraum eines Jahres an den untersuchten Anlagen nachweisbar waren, sowie saisonale Schwankungen in der Nachweisdichte aufgezeigt. Außerdem werden Vergleiche mit anderen Studien und weitergehende Vermutungen angeführt. Die Studie weist aus unserer Sicht jedoch methodische Schwachpunkte auf, durch die die gezogenen Schlussfolgerungen nicht hinreichend gestützt sind. Wir möchten uns daher aufgrund eigener umfangreicher Untersuchungen in den Themengebieten „genetische Analyse von Fischotterbeständen“ und „Untersuchung von Fischaufstiegsanlagen“ (zum Beispiel LAMPA et al. 2013; SCHMALZ 2014) methodisch und analytisch mit der Studie auseinandersetzen und so ergänzende Informationen für den interessierten Leser liefern.
Es ist eine seit langem bekannte, wenn auch bisher kaum veröffentlichte Tatsache, dass Fischotter Fischaufstiegsanlagen (FAA) nutzen. Beobachtungen gibt es beispielsweise sowohl für naturnahe als auch technische Anlagen bis hin zu Fischschleusen (zum Beispiel SCHMALZ 2014; SCHMALZ & SCHMALZ 2024; WEBER, persönlicher Kommentar 2004; HEIDLER, persönlicher Kommentar 2025). Moderne Kamerasysteme werden inzwischen intensiv genutzt, um Fischwanderungen zu untersuchen (vergleiche HAAS et al. 2025). Dabei werden auch andere Arten erfasst, die diese Anlagen nutzen, zum Beispiel Fischotter (Abbildung 1).
Da diese Beobachtungen selten veröffentlicht werden, ist eine gezielte Studie zur Nutzung von FAA durch Fischotter grundsätzlich begrüßenswert. Die Studie von Stoeckle et al. (2026) bietet aufgrund der Quantifizierung der Otterindividuen an derartigen Strukturen interessante Einblicke. Anhand einer mehrfachen Sammel-Wiederholung wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass saisonale Schwankungen in der Habitatnutzung des Fischotters verbreitet sind. In der Darstellung der Ergebnisse fehlen jedoch wesentliche Kennzahlen und die Vergleichbarkeit zu anderen Studien ist aus mehreren Gründen nicht gegeben:
- Für eine genetische Untersuchung sollte immer angegeben werden, welche Erfolgsrate die Mikrosatellitenanalyse je Sammelkampagne erbrachte. Dieser Wert erlaubt Rückschlüsse auf die statistische Wahrscheinlichkeit, dass man alle Individuen erfasst hat, fehlt aber in dieser Studie. Es wird des Weiteren nicht angegeben, wie viele Mikrosatelliten verwendet wurden, um nahe Verwandte voneinander unterscheiden zu können und es wird nicht angegeben, wie viele Individuen nur einmalig detektiert wurden und wie ähnlich diese zu den anderen Individuen waren. Dies wäre notwendig, um abschätzen zu können, ob sogenannte „Geisterindividuen“ (das sind falsche neue Individuen, die eigentlich bereits bekannte Individuen sind) im Datensatz sein könnten (Fraysse et al. 2024; McKelvey & Schwartz 2004; Lampa et al. 2013; Waits et al. 2001). Aufgrund dieser fehlenden methodischen Angaben lassen sich die angegebenen Fischotterzahlen fachlich nicht bewerten.
- Die Autoren untersuchten die Anwesenheit des Fischotters auf Referenzstrecken von 100 bis 1.100 m Länge anhand ihrer Losungen. Fischotter nutzen jedoch Reviere, die bis zu 38,5 km (Quaglietta et al. 2012) lang sein können und je nach Nahrungsdichte im Mittel 22 km Uferlinienlänge in nahrungsarmen Fließgewässern (Weinberger et al. 2016), 10 km Länge bei mittlerer Nahrungsgrundlage (Ó Néill et al. 2009) und 2 bis 5 km Länge in Gebieten mit fischreichen Standgewässern betragen (Erlinge 1967; Kofler et al. 2018, 2023). Somit entsprechen die hier untersuchten Teilstrecken lediglich etwa 0,5 bis 55 % der Länge eines durchschnittlichen Otterrevieres. Die von den Autoren auf dieser Basis errechnete Fischotterdichte je Kilometer beschreibt daher die Anzahl einer nicht gleichmäßig im Raum verteilten Art (Klenke et al. 2008) in einem speziellen, sehr kleinen Habitatbestandteil im Verlauf eines Jahres, nicht jedoch die Dichte der Fischotter an diesem Fließgewässer.
- Zur Bestimmung von Individuenzahlen einer derart großräumig lebenden Tierart wie dem Fischotter ist die Größe der Untersuchungsräume entscheidend für die Ausprägung von Randeffekten bei der Berechnung von Populationsdichten: Je kleiner der Untersuchungsraum im Verhältnis zur eigentlichen Größe der Streifgebiete der Art, desto größer die Randeffekte, was eine massive Überschätzung der Dichte mit sich bringt (White et al. 1982): Hätten die Autoren zum Beispiel als Bezugsraum statt 1.000 m die Länge eines durchschnittlichen Otterreviers von 10.000 m gewählt, bliebe die Zahl nachgewiesener Otterindividuen einschließlich aller einmalig durchwandernder Tiere annähernd gleich, die errechnete „Dichte“ betrüge dann aber nur ein Zehntel des Wertes. Da im Artikel keine Abschätzung dieser resultierenden Fehlergröße vorgenommen wird, sind die angegebenen Werte zur Anzahl von Fischottern pro Kilometer Uferlänge wissenschaftlich nicht belastbar. Um die Otterdichte nicht zu überschätzen, sollte sie daher nur für Untersuchungsräume angegeben werden, die mehrere Fischotter-Reviere umfassen.
Ein Vergleich der hier ermittelten Dichte mit denen anderer Studien, die ganze Gewässersysteme untersuchten, ist somit nicht eingeschränkt, sondern gar nicht möglich. Vielmehr entsteht so der der Eindruck, dass sich besonders viele Fischotter an Fischaufstiegsanlagen befinden. Dieser Schluss kann jedoch nicht gezogen werden. Dazu wäre unter anderem (siehe unten) auch eine zeitgleich durchgeführte Untersuchung an entsprechenden Untersuchungsstrecken der Gewässer ohne FAA nötig gewesen.
- Hinzu kommt, dass FAA vermutlich, wie auch von Brücken bekannt, attraktive Markierungsplätze für Fischotter sind. An Brücken wurden laut den Autoren 8,3-mal so viele Losungen gefunden wie an FAA und 19-mal mehr als außerhalb der Querbauwerke, an FAA immer noch 3,3-mal mehr als außerhalb der Querbauwerke. Es kann also durchaus von einer erhöhten Markierungsaktivität an FAA, wenn auch wesentlich geringer als an Brücken, ausgegangen werden, nicht aber von einer erhöhten Fischotterdichte an FAA oder im gesamten Gewässer. Insofern ist aus der Untersuchung lediglich die Aussage, „dass die meisten Fischaufstiegsanlagen regelmäßig von mehreren Fischottern frequentiert werden“, stichhaltig. Nach KRUUK (1992) markieren Fischotter nicht primär an bevorzugten Jagdgebieten, sondern an effizienten Kommunikationsorten, um eine gleichzeitige Ressourcennutzung und damit innerartliches, aggressives Verhalten zu vermeiden. Von einer hohen Markierintensität kann daher nicht direkt auf eine hohe jagdliche Nutzung geschlossen werden. Häufige Markierungen deuten zwar darauf hin, dass ein Otter das Gebiet regelmäßig nutzt, aber sie sind kein präziser Indikator für den exakten Ort der Jagd. Nur eine großräumig angelegte genetische Beprobung über mehrere Jahre, kombiniert mit einem intensiven Wildkamera-Monitoring und Nahrungsanalysen, könnte zu diesem Aspekt verlässliche Daten liefern.
Es werden als Fazit mehrere Vermutungen hinsichtlich des Einflusses des Fischotters auf die Fischfauna im Bereich einer FAA genannt. Dies betrifft vor allem die Befürchtung, dass die Art einen merklichen Einfluss auf die Durchgängigkeit der Anlagen für Fische haben könnte. Wie wir oben gezeigt haben, lässt die Methodik der Untersuchung eine Aussage in diese Richtung allerdings nicht zu. Auch wenn es nur als Vermutung formuliert wird: Diese Aussagen sind eher dazu angetan, dem Fischotter bereits vor Vorliegen valider Untersuchungen einen negativen Einfluss auf die Fischzönose speziell an FAA zuzuschreiben und so den Konflikt um diese Tierart weiter zu befeuern. Denn Fischaufstiegsanlagen sollen die Durchgängigkeit des Gewässers für aquatische Organismen erhöhen, sie erhöhen aber nicht zwangsläufig auch die Fischbiomasse eines Gewässers. Dies wäre aber Grundvoraussetzung für eine erhöhte Fischotterdichte in einem Fließgewässersystem, da Fischotter in hohem Maße von der Nahrungsverfügbarkeit und Fischbiomasse ihres gesamten Streifgebietes abhängig sind (RUIZ-OLMO et al. 2008). Daher kann das Vorhandensein von FAA nicht die Fischotterdichte eines betrachteten Fließgewässersystems steigern, auch wenn die Nahrung hier saisonal konzentrierter und einfacher verfügbar als in umliegenden Gewässerabschnitten vorkommt.
Es ist zwar bekannt, dass Prädatoren FAA nutzen, teilweise auch gezielt für den Nahrungserwerb. Belegt ist dies allerdings bisher nur für den Wels durch SCHNEIDER et al. (2024). Hinzu kommt eine Vielzahl anekdotischer Sichtungen von Hecht, Rapfen, Kormoran, Graureiher und Fischotter an und in FAA. Aber ein quantifizierbarer Einfluss wurde bisher für keine der Arten erfasst, auch weil dies methodisch sehr anspruchsvoll ist: Um den Einfluss des Fischotters auf die Durchwanderbarkeit der FAA für Fische, die potenzielle Entnahme an Fischbiomasse in diesem Bereich und die Frage nach einem Einfluss von FAA auf die Dichte des Fischotterbestandes valide zu untersuchen, wäre ein umfangreiches Untersuchungsdesign erforderlich. Dies umfasst engmaschige Nahrungsanalysen, wiederholte Befischungen, den Einsatz von Unterwasserkamera-Monitoringsystemen und genetisches Monitoring. Hierfür wäre weiterhin der Vergleich zwischen Gewässern mit Querbauwerken mit und ohne FAA notwendig sowie ein Vergleich mit freifließenden Gewässern.
Literatur
ERLINGE, S. (1967): Home range of the otter Lutra lutra L. in Southern Sweden. – Oikos 18: 186–209.
FRAYSSE, R., CHOQUET, R. & PRADEL, R. (2024): Population size estimation when multiple samples carrying the risk of misidentification are taken within the same capture occasion from the same individual. – bioRxiv; https://doi.org/10.1101/2024.06.12.598605.
HAAS, C., MEYER, M., MOCKENHAUPT, B. et al. (2025): Videomonitoring an Fischaufstiegsanlagen. – WasserWirtschaft 11: 10–16.
HEIDLER, S. (Persönlicher Kommentar, 2025): Beobachtungen (Kameramonitoring) im Zuge der Arbeiten zum Projekt „Fischotter-Modellregion Weiße Elster“ – In: SCHMALZ, M., LAMPA, S., MÜLLER, R. et al. (2025): Fischotter-Modellregion Weiße Elster – Datenerhebung, Konfliktbearbeitung und Lösungsansätze, Schmölln: 68 S.
KLENKE, R., TSCHIERSCHKE, A., GRUBER, B. et al. (2008): Räumliche und zeitliche Aktivitätsmuster von Fischottern (Lutra lutra Linnaeus, 1758) anhand von frischen Markierungsfunden in einer Teichlandschafe. – Säugetierkundliche Informationen 6: 209–226.
KOFLER, H., LAMPA, S. & LUDWIG, T. (2018): Fischotterverbreitung und Populationsgrößen in Niederösterreich 2018. – Endbericht, ZT KOFLER Umweltmanagement im Auftrag des Amtes der Niederösterreichischen Landesregierung: 117 S.
KOFLER, H., LAMPA, S. & LUDWIG, T. (2023): Fischotterverbreitung und Populationsgrößen in Niederösterreich 2022/23. – Endbericht, ZT KOFLER Umweltmanagement im Auftrag des Amtes der Niederösterreichischen Landesregierung: 122 S.
KRUUK, H. (1992): Scent marking by otters (Lutra lutra): Signaling the use of resources. – Behavioural Ecology, 3(2): 133–140.
LAMPA, S., HENLE, K., KLENKE, R. et al. (2013): How to overcome genotyping errors in noninvasive genetic mark-recapture population size estimation – A review of available methods
illustrated by a case study. – Journal of Wildlife Management 77: 1490–1511.
MCKELVEY, K. S. & SCHWARTZ, M. K. (2004): Genetic errors associated with population estimation using
noninvasive molecular tagging: Problems and new solutions. – Journal of Wildlife Management
68: 439–448.
Ó NÉILL, L., VELDHUIZEN, T., DE JONGH, A. et al. (2009): Ranging behaviour and socio-biology of Eurasian otters (Lutra lutra) on lowland mesotrophic river systems. – European Journal of Wildlife Research, 55(4): 363–370.
QUAGLIETTA, L., MARTINS, B. H., DE JONGH, A. et al. (2012): A low-cost GPS GSM/GPRS telemetry system: Performance in stationary field tests and preliminary data on wild otters (Lutra lutra.) – PLOS One 7(1): 1–10.
RUIZ-OLMO, J. & JIMENEZ, J. (2008): Diet diversity and breeding of top predators are determined by habitat stability and structure: a case study with the Eurasian otter (Lutra lutra). – European Journal of Wildlife Research 55(2): 133–144.
SCHMALZ, M. & SCHMALZ, W. (2024): Fischökologisches Monitoring der Fischschleuse Klosterbuch. – Abschlussbericht, unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag der enviotherm GmbH.
SCHMALZ, M. (2014): Funktionskontrolle der Fischschleuse an der Wasserkraftanlage Höllenstein am Schwarzen Regen. – Gutachten im Auftrag der Kraftwerk am Höllenstein GmbH, unveröffentlicht.
SCHNEIDER, J., SEUFERT, T. & THEOBALD, S. (2024): Spitzenprädator Wels – wie stark beeinträchtigen große Individuen die Passierbarkeit von Fischauf¬stiegsanlagen? – WasserWirtschaft 114(10): 14–18.
STOECKLE, B. C., MÜLLER, M., HAYDN, A. et al. (2026): Naturnahe Fischaufstiegsanlagen – ein neuer Lebensraum für den Fischotter? – Anliegen Natur 48(1): 1–8; https://doi.org/10.63653/yumr1207.
WAITS, L. P., LUIKART, G. & TABERLET, P. (2001): Estimating the probability of identity among genotypes in natural populations: cautions and guidelines. – Molecular Ecology 10: 249–256.
WEBER, J. (Persönlicher Kommentar, 2004): Persönliche Kommunikation bei der Tagung Fischartenschutz & Gewässerökologie, Jena.
WEINBERGER, I., MUFF, S., KRANZ, A. et al. (2016): Flexible habitat selection paves the way for a recovery of otter populations in the European Alps. – Biological Conservation 199: 88–95.
WHITE, G. C., ANDERSON, D. R., BURNHAM K. P. et al. (1982): Capture-Recapture and Removal Methods for Sampling Closed Populations. – Los Alamos National Laboratories, Los Alamos.
Autorinnen
Dr. Annegret Grimm-Seyfarth, annegret.grimm@ufz.de
Dr. Simone Lampa, simone.lampa@gmx.de
Dipl.-Biol. Anja Roy, anja.roy@oeko-log.com
Dipl.-Biol. Maria Schmalz, maria.schmalz@fluss-im-netz.de
Alle vier Autorinnen sind Mitglied der weltweit arbeitenden IUCN – OSG Otter Specialist Group und des bundesweit arbeitenden Bundesarbeitskreis Fischotter.
Annegret Grimm-Seyfarth, Simone Lampa, Anja Roy und Maria Schmalz (2026): Erwiderung zum Artikel „Naturnahe Fischaufstiegsanlagen – ein neuer Lebensraum für den Fischotter?“ – Anliegen Natur 48/2; www.anl.bayern.de/publikationen/anliegen/meldungen/wordpress/erwiderung-fischaufstiegsanlagen/.

| 0
