Neue Forschungsergebnisse zu regionalem Saatgut: Konsequenzen für die Naturschutzpraxis in Bayern?
Aktuelle (schwarze Umrisse) und mögliche alternative (farbige Polygone) Ursprungsgebiete (UG) entsprechend den Ergebnissen von RegioDiv. Die alternative Aufteilung zeigt 19 UG. In diesem Fall wurden Teile der UG 16 (Unterbayerische Hügel- und Plattenregion) und 17 (Südliches Alpenvorland) zusammengelegt (dunkellila Fläche) beziehungsweise aufgeteilt. Einige Arten weisen relativ scharfe Verbreitungsgrenzen zwischen UG 16 und 17 auf, wie zum Beispiel Agrimonia eupatoria. Diese Grenzen würden inmitten der neu vorgeschlagenen Ursprungsgebiete liegen (Karte: DURKA et al. 2024b).
(Marcel Ruff, Laura Korbacher, Andreas Zehm, Andreas Laudensack) Gefördert vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat das Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) jüngst eine umfangreiche genetische Analyse durchgeführt. Sie sollte überprüfen, wie gut die genetischen Verbreitungsmuster von 33 häufig als Regiosaatgut ausgebrachten Grünlandarten mit den gesetzlich festgelegten Ursprungsgebieten übereinstimmen. Für die Naturschutzpraxis in Bayern lassen sich aus den Ergebnissen wichtige Rückschlüsse ziehen.
Pflanzen sind genetisch an die von ihnen besiedelten Lebensräume angepasst. Da in den Lebensräumen regional unterschiedliche Umweltbedingungen vorherrschen, können auch die genetischen Anpassungen regional abweichen. Um diese spezifischen Anpassungen zu erhalten und zum Schutz der innerartlichen genetischen Vielfalt von Wildpflanzen regelt der § 40 Abs. 1 Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) die Ausbringung von gebietseigenem Saat- und Pflanzgut. So dürfen Pflanzen nur innerhalb des betreffenden Gebiets ausgebracht werden, in dem sie ihren genetischen Ursprung haben. Zu diesem Zweck leiteten PRASSE et al. (2010), basierend auf Umweltfaktoren und pauschalen genetischen Kriterien, 22 Ursprungsgebiete ab. Das dort gesammelte und vermehrte Regiosaatgut findet Anwendung bei zahlreichen Begrünungen und Renaturierungsprojekten.
Ein Forschungsteam unter Leitung von Dr. Walter Durka und Dr. Stefan Michalski untersuchte nun im Projekt RegioDiv, wie gut die räumliche Verteilung der genetischen Struktur von 33 häufigeren Grünlandtaxa mit den Abgrenzungen der 22 etablierten Ursprungsgebiete (UG) übereinstimmt (DURKA et al. 2024a; PRASSE et al. 2010). Hierfür wurde Blattmaterial aus unterschiedlichen Ursprungsgebieten gesammelt und deren populationsgenetische Strukturen mittels genetischer Analysen verglichen. Anschließend wurden auf Basis algorithmischer Berechnungen (vor allem Clusterverfahren) und Vorschlägen aus der projektbegleitenden Arbeitsgruppe alternative Aufteilungen der Ursprungsgebiete erstellt. Da das Projekt einige wertvolle Ergebnisse zur Saatgutverwendung liefert, seien hier drei zentrale Aspekte in Bezug auf die Praxis diskutiert.
Um solche Verzerrungen durch Nutzende möglichst gering zu halten, empfehlen die Autoren, Meldedaten aus mehreren Plattformen oder einer Datenbank wie der GBIF zu vergleichen und konsequent mit dem Wissen von Experten abzugleichen. Die Nutzung mehrerer Datenquellen könnte helfen, die Verzerrungen und im Weiteren Fehlinterpretationen aus einzelnen Datenquellen gering zu halten.
Zuschnitt der Ursprungsgebiete
Im RegioDiv-Projekt zeigte jede Art individuelle genetische Verbreitungsmuster, die mit den bestehenden Ursprungsgebieten in unterschiedlichem Maße übereinstimmten. Insgesamt unterschied sich der Großteil der Arten eines UG genetisch signifikant von den benachbarten UG, was grundsätzlich für eine regionale Gliederung der Saatgutverwendung spricht. Es wurde geprüft, inwieweit alternative Zuschnitte der Ursprungsgebiete für die untersuchten Arten eine bessere Übereinstimmung bringen würden (Abbildung 1). Eine optimale Anzahl von Regionen und deren Abgrenzung lässt sich aufgrund der artspezifischen Unterschiede allerdings nicht ableiten. Auch bei Beibehaltung der Anzahl der UG lag die mögliche Verbesserung durch eine Neuabgrenzung nur im Bereich von etwa 4 %. Gleichzeitig hätte dies den Effekt, dass die vorhandenen Positivlisten (Liste an Arten, die ohne Genehmigung innerhalb der jeweiligen UG ausgebracht werden können, LFU 2025) neu erarbeitet und abgestimmt werden müssten. Zudem weisen zahlreiche Arten scharfe Verbreitungsgrenzen an den bisherigen UG-Grenzen auf. Eine neue Abgrenzung könnte dazu führen, dass diese Grenzen durchbrochen werden und Arten in den neuen UG nicht mehr ausgebracht werden können, da sie in zu großen Teilen davon nicht vorkommen (vergleiche Abbildung 1). Ferner wäre die etablierte Saatgutproduktion neu zu organisieren. In Anbetracht der weitreichenden negativen Konsequenzen, des geringen zusätzlichen Nutzens und eines erheblichen Aufwandes im Verwaltungsvollzug ist eine Neuabgrenzung der UG daher nicht angezeigt.
Bedeutung von Übertragungsverfahren
Für alle untersuchten Arten wurde ein Zusammenhang zwischen geografischer Nähe und genetischer Ähnlichkeit bestätigt („Isolation durch Distanz“). Das bedeutet, dass die genetische Ähnlichkeit innerhalb der Arten mit zunehmender geografischer Distanz abnimmt und beispielsweise langgestreckte Ursprungsgebiete genetisch heterogener sind als kompakte. Aus dieser Beziehung lässt sich ableiten, dass eine Ausbringung über geringere Entfernungen, zum Beispiel unterhalb von 70 km (je 70 km Entfernung erhöht sich die genetische Distanz innerhalb der Arten um 10 %) grundsätzlich vorzuziehen ist (DURKA et al. 2024a). Für ein kleinräumigeres Vorgehen sprechen auch die Ergebnisse einer vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) finanzierten Untersuchung der Universität Regensburg zur genetischen Variation von sieben Grünlandarten innerhalb und zwischen den UG. Es zeigte sich, dass ein Großteil der genetischen Unterschiede bereits kleinräumig, also zwischen den untersuchten Populationen innerhalb eines Ursprungsgebietes zu finden war und nicht zwischen den Ursprungsgebieten (GRADL & REISCH 2022).
Durch verschiedene Übertragungsverfahren, wie Mahdgutübertrag oder die lokale Saatgutgewinnung mit Ausbürst-Geräten (beispielsweise eBeetle, Wiesefix), kann der erforderliche räumliche Kontext erhalten werden. Diese sind oft kostengünstiger als „fertige“ Regiosaatgutmischungen zu verwenden. Es bietet sich also an, für eine optimale Begrünung auf regionalen Samentransfer zu setzen. Dies ist bereits vielfach erfolgreiche Praxis, insbesondere von Landschaftspflegeverbänden (VIDAL & ELENDER 2020).
Die im Mittel höhere genetische Ähnlichkeit innerhalb eines UG gegenüber den benachbarten UG zeigt: Eine pauschale Genehmigung von Ersatzherkünften aus benachbarten UG trägt nicht zum Erhalt der innerartlichen genetischen Vielfalt bei. Dank der Untersuchungsergebnisse von RegioDiv wird jedoch nachvollziehbar, welche Arten auch in einzelnen benachbarten UG unkritisch ausgebracht werden können. Um Engpässe bei der Saatgutverfügbarkeit zu überbrücken, gibt es eine Übersicht, die in die Genehmigungspraxis einfließen kann. Fachlich unkritisch ist jedoch immer die Ausbringung bis zu mehreren hundert Metern über die UG-Grenze hinaus, wie es bei grenzüberschreitenden Maßnahmen sinnvoll sein kann. In diesen Fällen sollten die Abgrenzungen nicht zu starr ausgelegt werden.
Versteckte Vielfalt
Die Analyse ergibt zudem, dass die genetische Differenzierung nicht leicht von außen erkennbar ist. So zeigte sich bei manchen der untersuchten Taxa, dass sie aufgrund unterschiedlicher Ploidiestufen (unterschiedliche Anzahl an Chromosomensätzen) nicht einer, sondern mehreren genetisch deutlich differenzierten Taxa mit eigenständigen Arealen zugeordnet werden müssen. Beispiele hierfür sind die Arten Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia) und Kleine Bibernelle (Pimpinella saxifraga). Diese Arten sollten daher nicht ausgebracht oder diese im Saatgut getrennt und subregional behandelt werden. Selbst bei solchen weit verbreiteten Arten, deren Vorkommen und Verbreitungsgrenzen gut bekannt sind, ist mit Überraschungen zu rechnen. Die genetische Ausstattung ist somit nicht immer von vermeintlich offensichtlichen Kriterien, wie beispielsweise der Häufigkeit, ableitbar. Das Saatgut sollte daher sorgfältig ausgewählt werden.
Fazit
Insgesamt bestätigen die neuen Forschungsergebnisse: Für den Erhalt der regionaltypischen Diversität inklusive der genetischen Vielfalt hat ein subregionales bis lokales Saatgutmanagement durch Übertragungsverfahren wesentliche Vorteile. Ihm sollte daher Priorität vor der Vermehrung innerhalb pauschaler Gebietsabgrenzungen eingeräumt werden.
Weiterführende Informationen (letzter Zugriff 07.05.2025)
DURKA, W., MICHALSKI, S., HÖFNER, J. et al. (2024a): RegioDiv – Genetische Vielfalt krautiger Pflanzenarten in Deutschland und Empfehlungen für die Regiosaatgut-Praxis. – BfN-Schriften 687: 315 S.; https://bfn.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/1818.
DURKA, W., MICHALSKI, S., HÖFNER, J. et al. (2024b): RegioDiv – Genetische Vielfalt krautiger Pflanzenarten in Deutschland: Ergebnisse und Empfehlungen für die Regiosaatgut-Praxis. – Natur und Landschaft 99: 322–332.
GRADL, E. & REISCH, C. (2022): Genetische Variation ausgewählter Pflanzenarten innerhalb und zwischen Ursprungsgebieten für die Erzeugung gebietseigenen Saatgutes in Bayern. – Unveröffentlichter Abschlussbericht im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU), Augsburg: 57 S.
PRASSE, R., KUNZMANN, D. & SCHRÖDER, R. (2010): Entwicklung und praktische Umsetzung naturschutzfachlicher Mindestanforderungen an einen Herkunftsnachweis für gebietseigenes Wildpflanzensaatgut krautiger Pflanzen. – Abschlussbericht Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), Hannover: 166 S.
LFU (= BAYERISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT, 2025): Gebietseigenes Saatgut + Produktion und Inverkehrbringen; www.lfu.bayern.de/natur/bayaz/artenschutz_pflanzen/gehoelze_saatgut/saatgut_produktion/.
VIDAL, C. & ELENDER, F. (2020): Biodiversitätsprojekt „Blühendes Passauer Land“. – Anliegen Natur 42(1): 151–154; https://doi.org/10.63653/ftgh8798.
Autoren und Autorin
Marcel Ruff
Bayerisches Landesamt für Umwelt
Marcel.ruff@lfu.bayern.de
Laura Korbacher
Bayerisches Landesamt für Umwelt
Laura.korbacher@lfu.bayern.de
Andreas Zehm
Bayerisches Staatsministerium für
Umwelt und Verbraucherschutz
Andreas.zehm@stmuv.bayern.de
Andreas Laudensack
Bayerisches Staatsministerium für
Umwelt und Verbraucherschutz
Andreas.laudensack@stmuv.bayern.de
Marcel Ruff, Laura Korbacher, Andreas Zehm & Andreas Laudensack (2026): Neue Forschungsergebnisse zu regionalem Saatgut: Konsequenzen für die Naturschutzpraxis in Bayern? – Anliegen Natur 48/2; www.anl.bayern.de/publikationen/anliegen/meldungen/wordpress/regiodiv/.
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