Replik zur Erwiderung: Naturnahe Fischaufstiegsanlagen – ein neuer Lebensraum für den Fischotter?
Eine Fischotter-Fähe (weiblicher Fischotter) schwimmt mit zwei Jungtieren in Ufernähe (Foto: Melanie Müller).
(Bernhard C. Stoeckle, Melanie Müller, Alexandra Haydn, Cornelia Ebert, Phillip Roser und Johannes Schnell) Wir reagieren auf Kritik und Anmerkungen zu unserem Artikel über die Nutzung von Fischaufstiegsanlagen durch den Fischotter. Der Artikel war bewusst für eine breite Leserschaft vereinfacht und basiert auf einem umfassenderen Projektbericht. Ziel der Studie war nicht die Schätzung der Gesamtpopulation, sondern zu prüfen, ob Fischotter Fischaufstiegsanlagen intensiv als Habitat nutzen. Zudem wird diskutiert, dass Fischaufstiegsanlagen möglicherweise als Jagdorte dienen. Wir sehen weiteren Forschungsbedarf und verstehen unsere Arbeit als ersten Schritt für vertiefende Studien.
Wir danken den Autorinnen und Autoren der Erwiderung für die eingehende Auseinandersetzung mit unserem Beitrag sowie für die ergänzenden Hinweise zur methodischen Einordnung der Ergebnisse. Die Diskussion unterstreicht die Relevanz des Themas und den Bedarf an weiterführenden Untersuchungen zur Nutzung von Fischaufstiegsanlagen (FAA) durch den Fischotter.
Unser Beitrag in Anliegen Natur hatte das Ziel, zentrale Ergebnisse eines umfangreichen angewandten Forschungsprojektes in allgemeinverständlicher Form für ein breiteres Fachpublikum zugänglich zu machen. Die Studie basiert auf einem einjährigen genetischen Monitoring an ausgewählten FAA, das ursprünglich im Rahmen eines praxisorientierten Projektauftrags durchgeführt wurde. Eine detaillierte Darstellung der Methodik und aller zugrunde liegenden Parameter ist im zugehörigen Projektbericht enthalten.
Vor diesem Hintergrund möchten wir einige Punkte der Erwiderung einordnen und präzisieren:
Wir bedanken uns für den Hinweis, dass Kenngrößen wie Genotypisierungserfolg, Anzahl der verwendeten Mikrosatellitenmarker sowie der Umgang mit potenziellen Fehlzuweisungen für die Bewertung genetischer Individualnachweise von zentraler Bedeutung sind. Diese Informationen sind im zugrunde liegenden Projektbericht umfassend dokumentiert, wurden jedoch im Rahmen des bewusst kompakten und allgemeinverständlichen Formats des Artikels nicht vollständig dargestellt. Unabhängig davon erlauben die erhobenen Daten robuste Aussagen zur wiederholten Nutzung der untersuchten Strukturen durch mehrere Individuen, da die Autoren Stoeckle und Ebert über jahrzehntelange Erfahrung mit der Bearbeitung von non-invasiven beziehungsweise Umwelt-DNA-Proben und deren molekulargenetische Analyse haben, was auch durch Einsicht der Publikationshistorie beider Autoren ersichtlich wird. In dieser Studie wurden nur vollständige Genotypen (entspricht hier dem einzigartigen genetischen Fingerabdruck von Individuen) auf Basis von zwölf Mikrosatellitenmarkern (vergleiche BAYERL 2019; DALLAS & PIERTNEY 1998; DALLAS et al. 2000) für die statistische Auswertung herangezogen sowie die Einzigartigkeit der Genotypen mit statistischen Verfahren abgesichert. Zudem wurde die molekulargenetische Analyse jeder Probe mindestens dreimal wiederholt. Daher können Geisterindividuen ausgeschlossen werden. Weitere Details können gerne auf Anfrage mitgeteilt werden.
Ein zentrales Anliegen unseres Beitrags war die Quantifizierung der Nutzung von FAA durch Fischotter im Sinne einer strukturspezifischen Betrachtung. Und genau das haben wir auch in unserem Artikel beschrieben. Die im Artikel dargestellten Werte beziehen sich auf die Anzahl nachgewiesener Individuen pro untersuchter Streckenlänge und Zeitraum und sind als Maß für die Nutzungsintensität dieser Habitatstrukturen zu verstehen. Die in diesem Kontext zitierten Literaturwerte waren lediglich zur generellen Einordnung der Markierungsintensität gedacht, was wir durchaus für legitim halten. Im Artikel wurde direkt in den anschließenden Sätzen explizit darauf hingewiesen, dass unsere Methodik nicht mit der Methodik großräumiger Studien übereinstimmt. Eine großräumige Dichteschätzung des Fischotters war auch kein Ziel der Studie und wurde auch nicht als solches dargestellt. Unser Untersuchungsdesign zielte auf die Frage ab, ob und in welchem Umfang FAA als spezifische Strukturelemente im Gewässer von Fischottern genutzt werden. Die gewählte räumliche Abgrenzung entspricht somit dem Untersuchungsziel und erlaubt Aussagen auf der Ebene dieser Habitatkomponente.
Ferner wollten wir auch nicht den Eindruck erwecken, dass sich besonders viele Fischotter an Fischaufstiegsanlagen aufhalten, sondern vielmehr, dass diese intensiv als Struktur genutzt werden. Aus der Anzahl der gefundenen Losungen ist durchaus eine erhöhte Markierungsaktivität an den FAA abzuleiten (vergleiche auch HYSAJ et al. 2013) und die Losungshäufigkeit ist als Maß für die Habitatnutzung und Standorttreue in der internationalen Literatur anerkannt (KIM & HONG 2024; MACDONALD & MASON 1983; MACDONALD & MASON 1987; CHO et al. 2009; HADIPOUR et al. 2011; DETTORI et al. 2022). Unsere Ergebnisse bestätigen daher, dass die Fischaufstiegsanlagen intensiv durch den Fischotter frequentiert werden. Dementsprechend haben wir im Artikel auch deutlich darauf hingewiesen, dass FAA nicht nur für Fische, sondern auch für den Fischotter wichtige naturnahe Strukturen sind, in denen vor allem Familienverbände offensichtlich geeignete Habitatbedingungen vorfinden. Aus der intensiven Frequentierung der FAA durch Fischotter lässt sich aber ebenso die Vermutung ableiten, dass diese einen Einfluss auf die Fischfauna in den FAA haben könnten, auch wenn die Markierungsintensität nicht zwangsläufig mit der Jagdaktivität des Otters korreliert (KRUUCK 1992). In früheren Studien wurde allerdings aufgezeigt, dass Fischotter schmale und seichte Abschnitte von Gewässern bevorzugen, um zu jagen (CHO et al. 2009; ALMEIDA et al. 2012). FAA ähneln strukturell diesen Gewässerabschnitten, wodurch die Vermutung durchaus gerechtfertigt wird, dass Tiere, die sich dort häufig aufhalten und möglicherweise auch dort jagen.
Eine sachliche und ergebnisoffene Diskussion im Kontext möglicher Zielartenkonflikte ist unserer Meinung nach obligatorisch und macht es sogar notwendig, auch diese Perspektive aufzuzeigen, um allen Aspekten des Artenschutzes Rechnung zu tragen. Es besteht daher dringender Bedarf an weiteren Studien, die genau dies untersuchen. Auch darauf haben wir in unserem Artikel ausdrücklich hingewiesen.
Abschließend begrüßen wir die in der Erwiderung vorgeschlagenen weiterführenden Untersuchungsansätze ausdrücklich. Insbesondere die Kombination aus großräumigem genetischem Monitoring, Kamerasystemen, Befischungen und Nahrungsanalysen erscheint geeignet, die hier aufgezeigten Fragestellungen vertieft zu bearbeiten.
Wir sehen unseren Beitrag als einen ersten Schritt zur systematischen Untersuchung der Nutzung von Fischaufstiegsanlagen durch den Fischotter und hoffen, dass die vorliegenden Ergebnisse sowie die angestoßene fachliche Diskussion zur Initiierung weiterführender Studien beitragen
Literatur
ALMEIDA, D., BARRIENTOS, R., MERINO-AGUIRRE, R. et al. (2012): The role of prey abundance and flow regulation in the marking behaviour of Eurasian otters in a Mediterranean catchment. – Animal Behaviour 84(6): 1475–1482.
BAYERL, H. (2019): From low-throughput SSR genotyping to high-throughput SNP analyses of natural populations: validation of their application focused on non-invasive samples. – Dissertation, Technische Universität München.
CHO, H. S., CHOI, K. H., LEE, S. D. et al. (2009): Characterizing habitat preference of Eurasian river otter (Lutra lutra) in streams using a self-organizing map. – Limnology 10: 203–213.
DALLAS, J. & PIERTNEY, S. (1998): Microsatellite primers for the Eurasian otter. – Molecular Ecology 7: 1248–1251.
DALLAS, J., CARSS, D., MARSHALL, F. et al. (2000): Sex identification of the Eurasian otter Lutra lutra by PCR typing spraints. – Conservation Genetics 1: 181–183.
DETTORI, E. E., BALESTRIERI, A., ZAPATA-PÉREZ, V. M. et al. (2022): Eurasian otter Lutra lutra diet mirrors the decline of native fish assemblages in a semi-arid catchment (River Segura, SE Spain). – European Journal of Wildlife Research 68(3): 38.
HADIPOUR, E., KARAMI, M., ABDOLI, A. et al. (2011): A study on Eurasian Otter (Lutra lutra) in amirkelayeh wildlife refuge and international wetland in Guilan Province, Northern Iran. – IUCN Otter Specialist Group Bulletin 28(2): 84–98.
HYSAJ, E., BEGO, F., PRIGIONI, C. et al. (2013): Distribution and marking intensity of the Eurasian otter, Lutra lutra, on the River Drinos (southern Albania). – Folia Zoologica 62(2): 115–120.
KIM, J. & HONG, S. (2024): Spraint density of the Eurasian otter (Lutra lutra): is an accurate indicator of its population status in urban areas. – Environmental and Sustainability Indicators, 24: 100479.
KRUUK, H. (1992): Scent marking by otters (Lutra lutra): Signaling the use of resources. – Behavioural Ecology 3(2): 133–140.
MACDONALD, S. M. & MASON, C. F. (1983): The otter Lutra lutra in southern Italy. – Biological Conservation 25(2): 95–101.
MACDONALD, S. & MASON, C. (1987): Seasonal Marking in an Otter Population. – Acta Theriologica 32(27): 449–462.
Autorinnen und Autoren
Dr. Bernhard C. Stoeckle
Büro für Molekulare Ökologie, Bioinformatik und
Naturschutzbiologie (MoBioNa)
81673 München
+49 160 2830933
bernhard.stoeckle@mobiona.org
Dr. Melanie Müller
Institut für Naturschutz, Aquatische Ökologie und
Wildtiermanagement (naquawi)
83109 Großkarolinenfeld
mm.naquawi@gmx.de
Alexandra Haydn
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL)
85354 Freising
alexandra.haydn@lfl.bayern.de
Dr. Cornelia Ebert
SEQ IT GmbH & Co. KG
67655 Kaiserslautern
c.ebert@wildtiergenetik.seqit.de
Phillip Roser
Landesfischereiverband Bayern e.V.
85764 Oberschleißheim
phillip.roser@lfvbayern.de
Johannes Schnell
Landesfischereiverband Bayern e.V.
85764 Oberschleißheim
johannes.schnell@lfvbayern.de
Bernhard C. Stoeckle, Melanie Müller, Alexandra Haydn, Cornelia Ebert, Phillip Roser und Johannes Schnell (2026): Replik zur Erwiderung: Naturnahe Fischaufstiegsanlagen – ein neuer Lebensraum für den Fischotter? – Anliegen Natur 48/2; www.anl.bayern.de/publikationen/anliegen/meldungen/wordpress/fischaufstiegsanlagen-2/.
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